Mit der Sonne fing alles an. Mit der Sonne hört alles auf?

Oder wie die Kanzlerin die Energiewende erfunden hat.

            -          Ein Energiewende-Essay     -   

Ja, die Wendung, die die Kanzlerin vollführte, war schon atemberaubend. Kaum, dass sie der deutschen Kernenergie landesweit ihren Segen erteilt hatte und deren Sicherheit lobte, drehte sie ihr den Rücken zu. Die Regenerativen sollten es plötzlich richten. Schuld daran war der Tsunami, der Japan am 11. März 2011 ereilte.

Es gab keine inneren Ursachen für das Reaktorunglück in Fukushima. Deshalb lassen wir das fundamentalistische Pro und Kontra bezüglich der Kernenergie beiseite. Wir konzentrieren uns auf den Tsunami, der die Region heimsuchte und dem das Kraftwerk nicht gewachsen war.

Nun hat die Kanzlerin ganz in der Nähe ihres Bundestags-Wahlkreises ein Paradebeispiel, wie man es hätte richtig machen können. Sie hätte die Freunde aus Fernost einladen können. Eben dorthin in das Kernkraftwerk Lubmin – oder in das, was davon übrig blieb. Aber das, worauf es hier ankommt, ist durchaus noch zu sehen. Man hätte die japanischen Gäste überall herumführen können. Man hätte gar nichts weiter sagen müssen. Nur zeigen. Die Japaner hätten das Übrige mit den Klicks auf ihre Kameras getan. Dafür sind sie schließlich weltweit bekannt. Es hätte also gar keines erhobenen Zeigefingers bedurft. Nur lächeln. Und das kann sie, die Kanzlerin. Sie hätte gezeigt, dass man – wenn man Kernkraftwerke direkt an die See baut – sie etwas erhöht errichten muss. Das kostet mehr Geld, weil man das Kühlwasser für die Turbinen nach oben pumpen muss. Aber man gewinnt Sicherheit vor der unberechenbaren See. Eben das hat man in Lubmin getan. Man hat das Kühlwasser in die Höhe gepumpt. Und einen erhöhten Auslaufkanal errichtet, wo man am Ende in einem kleinen Wasser­kraftwerk schließlich einen ganzen Teil des Energiemehraufwands als elektrischen Strom zurück­gewinnen konnte. Und das erhöhte Plateau bot auch die Möglichkeit, alle Notstromanlagen dort oben unterzubringen und sie so vor dem Übergriff der See sicher zu schützen. Obwohl eigentlich die Ostseeküste in der Nähe der Insel Rügen wahrhaftig nicht gerade dafür bekannt ist, dass dort häufig Erdbeben und Tsunamis auftreten. Aber Sicherheit geht eben vor, wenn man moderne Energien bändigen will.

Also, das alles hätte sie tun können. Tat sie aber nicht. Stattdessen hat sie erst einmal geträumt, in ihrem Wahlkreis. Am Morgen vor der Haustür wurde sie dann von der Rügenschen Frühlingssonne angelacht. Dazu wehte von See eine frische Brise durch ihr Haar. Da kam die Erleuchtung: Sonne und Wind sollten es richten. Flugs berief sie eine Töpfer-Kommission - Demokratie muss schließlich sein -, die ihr dann folgsam von der Kernenergie abriet und der Naturenergie zuriet.

Kann man eigentlich eine Energiewende beschließen, so wie es einem gerade einfällt? Sozusagen mit der Richtlinienkompetenz einer Kanzlerin? Ja, wenn man das Gespür dafür hat, was objektiv heran­gereift ist, vielleicht schon. Sonst aber könnte es leicht ein Schlag ins Wasser werden. Was heißt das, wenn eine Energiewende herangereift ist. Das würde bedeuten, dass es schon öfter in der Geschichte eine Energie­wende gegeben haben muss? Hat es natürlich auch, denken wir beispielsweise nur an Dampf und Strom. Das waren schon gewaltige Kaliber. Und es müsste auch Kriterien dafür geben, die eine solche Entscheidungssituation objektiv beurteilen lassen. Die müsste man natürlich kennen und sie dann auch respektieren. Sonst wäre es reines Glücksspiel – und  ein Schlag ins Wasser könnte vorprogrammiert sein.

Nehmen wir zum Beispiel die Größe Energieintensität der Wirtschaft als einen solchen objektiven Maßstab an. Es ist eine Größe aus Physik und Geld. Sie sagt aus, wie viel Energie im Mittel aufge­wendet werden muss, um eine Einheit Wirtschaftsprodukt herzustellen. Dabei wird selbstverständ­lich davon ausgegangen, dass immer Energie aufgewendet werden muss, wenn man wirtschaften will. Ohne Energie entsteht kein neues Produkt – gleichgültig, ob die Energie aus natürlicher Quelle stammt oder selbst Produkt eines Wirtschaftsprozesses ist. Beide Größen, die in die Energieintensität eingehen, die Energie im Zähler und das Wirtschaftsprodukt im Nenner, unterliegen der historischen Entwicklung. Da kann es schon passieren, dass sie sich nicht in exakt der gleichen Größe bewegen, sondern unterschiedlich – mal ist die Änderungsrate der Energie größer als die des Wirtschafts­produkts, mal ist sie kleiner. Folglich nimmt die Energieintensität einmal etwas zu und einmal etwas ab. Sie gewinnt damit die Form einer Wellenlinie, die sich um einen annähernd unveränderlichen Langzeitwert windet. Jedes Mal, wenn sich die Wellenlinie aus einer oberen Position nach unten bewegt oder sich aus einer unteren Position wieder nach oben bewegt, kann man logischerweise von einer Energiewende sprechen. Von oben nach unten, also abnehmend, bedeutet eine Hauptwende, bei der im Bündel neue Energien mit einer charakteristischen Energie an der Spitze auftreten. Dazu gehören auch die genannten charakteristischen Energien Dampf und Strom. Folglich kann man umgekehrt, also von unten nach oben, von einer Zwischenwende sprechen, bei der nicht qualitativ neue Energieträger in Erscheinung treten, sondern die bisherigen bleiben, aber nun in eine intensive Phase ihrer Entwicklung eintreten.

Ja, aber wie kann man nun die Situation heute einschätzen? Logisch, dass der elektrische Strom dominiert. Das wird er auch weiter tun. Wir sind geradezu mittendrin in der Dominanz des elektrischen Stroms. Damit stehen wir aber zwangsläufig auch wieder vor einer Energiewende. Bingo. Da liegt also die Kanzlerin richtig. Aber – es handelt sich um den Beginn der intensiven Phase der Entwicklung des elektrischen Stroms, also um eine Wende von unten nach oben in der Energie­intensität. Oh je, so hat das aber die Kanzlerin nicht versprochen. Ein historischer Irrtum?

Halb so schlimm, kann ja mal passieren.

Aber wie oft kann es passieren? Zumal es nun noch dicker kommt. Der Irrtum muss bezahlt werden. Wer soll zahlen? Wenn man teurer wirtschaftet, als man es nach dem Stand von Technik und Wissen könnte, dann zahlt man drauf. Heute und bis in die nächsten Generationen, denen von uns weniger übergeben wird, als es uns möglich gewesen wäre.

Die Kanzlerin hält inne. Sie schaut hinauf zur Sonne. Gott sei Dank, sie scheint noch. Also von da droht wenigstens nichts. Auf die Sonne ist Verlass. Auch noch ziemlich lange. Aber sie ist wohl nicht ganz so billig zu haben, wie der Kanzlerin offensichtlich eingeflüstert wurde: Sonne und Wind kosten doch nichts, man muss nur zugreifen.

Aber halt. Was noch anging, zu frühen Zeiten, als der Mensch zu wirtschaften begann, das geht heute nicht mehr. So leicht macht es die Natur uns nicht. Natürlich reicht es aus, was die Sonne uns energetisch bietet. Heute und noch für lange Zeit. Aber die Sonne, die wir so zum Greifen nah vor uns sehen, hat es in sich. Sie trägt die Kraft, die an ihrer Oberfläche wirkt, tatsächlich bis unmittelbar in unsere Nähe. Aber eben nicht kostenlos. Wer heute diese Sonne erfolgreich nutzen will, muss erst einmal etwas tun, um wirklich zugreifen zu können. Wer die ungeheure Kraft vor unserer Haustür anzapft, um die gewachsene Wirtschaft zu versorgen, muss sie zunächst bändigen. Um sich nicht die Finger daran zu verbrennen. Das kostet Nachdenken und viel Geld. Die Sonne kostenlos? Da lachen doch die Hühner.

Egal was nun passiert: Die Preisspirale dreht sich lustig in Sonne und Wind. Wir schauen gebannt zu. Es ist fatal: Was einmal als Produkt verspielt wurde, ist und bleibt verspielt.

Jeder von uns spürt den Schlag ins Wasser. Das kühlt dann wenigstens ab.

(Womit sich mit dem Wasser auch der Kreis zum Klima schließt.)

(Copyright by Wolfgang Brune, Leipzig, 2014. Unentgeltlicher Nachdruck kann auf Antrag genehmigt werden. info@wolfgang-brune.eu)